Ein junger Mann steht in einem Park.

Rede zum 8. Mai

Bezirksverordneter Kevin Hönicke
(Es gilt das gesprochene Wort.)

Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrter Herr Bürgermeister Andreas Geisel, sehr geehrte Schülerinnen und Schüler sowie Lehrerinnen und Lehrer der Gutenberg Schule und sehr geehrte Teilnehmerinnen und Teilnehmer der heutigen Kranzniederlegung hier am Ehrenmahl in der Küstriner Straße.
Dieses Ehrenmahl erinnert und gedenkt den Menschen der russischen Armee,
die bei der Befreiung Hohenschönhausens vom Hitlerfaschismus gefallen sind und für eine freiere Welt ihr Leben gaben. Aber nicht nur an dieser Stelle wird gerade an Tod, Unterdrückung sowie Leid und Schrecken erinnert und gedacht.

Der 8. Mai führt heute in vielen europäischen Ländern Menschen zusammen, um als Gedenktag an die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht und an das Ende des zweiten Weltkrieges zu erinnern und den Opfern sowie ihren Angehörigen, Familien und Freunden zu gedenken. Der 8. Mai, als Tag der Befreiung gilt aber auch den Menschen, die durch die alliierten Truppen, aus Zuchthäusern sowie Konzentrations- und Vernichtungslagern gerettet und befreit wurden.

Auch wenn diese Befreiung für Millionen Menschen zu spät kam und sie wegen politischen Einstellungen, ihres Glaubens, ihrer Nationalität, ihrer Herkunft, ihrer Liebe zu einem anderen Menschen, ihrer Gesundheit oder aufgrund einer Behinderung, sterben und unendliches Leid erfahren mussten, so rettete diese Befreiung doch zig tausende Menschen vor dem Tod und weiterer menschenunwürdigen Gefangenschaften.

Deutschland, Europa sowie die ganze Welt wurden befreit von einem kranken System. Einem System des Hasses und daher gedenken wir heute zurecht der Befreiung vom Nationalsozialismus und dem damit einhergehenden Ende des 2. Weltkrieges.

Wir alle verbinden mit dem 2. Weltkrieg unterschiedliche Bilder. Meine und mir vorangegangene Generationen hatte noch die Möglichkeit, diese Bilder auch durch Erzählungen von Zeitzeugen des 2. Weltkrieges und von ehemaligen Gefangenen aus Konzentrations-lagern zu generieren. Generationen vor mir erlebten den Krieg selbst mit oder waren Kinder von Eltern, die den Krieg und das Leid erleben mussten. Doch was ist mit der Generation nach mir? Was ist mit den Kindern die heute geborgen werden? Zeitzeugen des damaligen Krieges gibt es immer weniger und somit wird der zweite Weltkrieg an lebendiger Geschichte immer mehr verlieren. Wir werden zwar Filme schauen, in Quellen lesen und Tonmitschnitte weiterhin hören können, doch wird sich der zweite Weltkrieg einreihen in die Teile der Geschichte, die keiner auf dieser Erde mehr selbst erlebt hat. Für meine Generation kommt noch dazu, dass Krieg Teil einer Geschichte ist, die etwas abstraktes darstellt und nicht in unser Lebensgefühl und die Vorstellung der Zukunft in Europa passt. Daher stellt sich für mich und meine Generation die Frage, wie wir persönlich mit dieser schrecklichen deutschen Geschichte des 2. Weltkrieges umgehen sollen, welche wir weder erlebt haben, noch beeinflussen konnten. Wir können nichts für das Handeln der Deutschen vor uns und während der Zeit des zweiten Weltkrieges, doch das Gefühl, dass wir auch den Rucksack der Schuld tragen, kennt meine Generation nur zu gut. Und wenn ich in der Welt verreise oder auf Menschen aus anderen Nationen treffe, dann werde ich des Öfteren gefragt, warum wir Deutschen einen Hitlerfaschismus zugelassen haben. Eine Frage, die ich nicht beantworten kann.
Daher stellt sich für mich immer wieder die Frage, welche Bedeutung der 8. Mai gerade für mich, meine und die nach mir kommenden Generationen haben kann und eventuell haben muss.

Bei diesen Überlegungen zu der persönlichen Bedeutung des 8. Mai und in Vorbereitung dieser Rede fiel mir ein Streitgespräch zwischen Hans-Jochen Vogel, Politiker und ehemaliger Regierender Bürgermeister Berlins, und dem Schauspieler Joachim Fuchsberger, auch Blacki genannt, in der Talkshow „Menschen bei Maischberger“ vom 22.04. ein.

Man sollte vorher zu den beiden Menschen wissen, dass sie jeweils am 8.Mai 1945 in Gefangenschaft saßen.
In der Fernsehsendung ging es eigentlich um Machtkämpfe in der Politik und um das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in Politiker. 
Fuchsberger skizzierte ein sehr negatives Bild von Politik und politisch handelnden Menschen. Nach Fuchsberger seien gerade Politiker Macht besessen sowie auf dem eigenen Vorteil und Machtausbau aus. Er endete sein Wortbeitrag mit den Worten: „Ich traue der Politik nicht!“
Hans-Jochen Vogel, selber Politiker und Mitglied in der SPD, entgegnete ihm. Und lassen sie mich bitte diese umfassende Entgegnung zitieren:
„Liebe Blacki ich bitte zwei Dinge zu überlegen.

Erstens: Die Konflikte von den die Rede ist, gibt es die nur in der Politik? Gibt es diese nicht auch in Redaktionen? Gibt es diese nicht auch am Theater, in Firmen und in anderen Bereichen des Lebens? Man sollte an die Politik nicht übermenschliche Maßstäbe anlegen und nicht seinen eigenen gesellschaftlichen Anteil, auch in Firmen, Schulen und Arbeitsplätzen, vergessen.

Zweitens: Wenn uns am 8. Mai 1945, in der Gefangenschaft jemand gesagt hätte, rege dich doch nicht so auf, in 4 Jahren habt ihr eine tolle Verfassung, in 10 Jahren sind eure Städte wieder aufgebaut, in 25 Jahren werden alle Heimatvertriebenen, Millionen Flüchtlinge wieder integriert sein. Ihr werdet wieder in der Völkergemeinschaft sein. Ihr werdet in 25 Jahren einen Kanzler haben, der den Friedensnobelpreis bekommt. Die Deutsche Einheit wird ohne einen Tropfen Blut zustande kommen. Euch wird wird es wirtschaftlich besser gehen, als den meisten in der ganzen Welt und ihr werdet wieder gehört werden, weltweit!
Hätte uns das jemanden am 8. Mai 1945 gesagt. Wir hätten ihn für verrückt erklärt.
Und das haben auch die Politik und Parteien in den letzten 49 Jahre mit bewirkt.“ (Zitat ende)
Das was Hans-Jochen Vogel dort skizziert, als ein Mensch der Krieg und Leid erlebt hat, ist das, was meine und die nachfolgenden Generationen mit dem 8. Mai verbinden sollten und für was uns der 8. Mai und die vielen Toten mahnen sollten. Es geht nicht nur darum der Vergangenheit zu gedenken, sondern wir haben die Aufgabe die Zukunft mit unseren Wissen über die Vergangenheit zu gestalten. Auch wenn wir, bzw. meine Generation ausschließlich, das Glück haben in eine friedvollen Gesellschaft ohne Krieg aufzuwachsen und zu leben, so sollten wir uns nie darauf ausruhen und es für stets und ewig gegeben sehen.

Wir sollten nicht meckern, wenn wir uns selbst nicht einsetzen für Fortschritt und Verbesserungen. Wir sollten dabei nicht nur an uns, sondern an die Gesellschaft denken und dafür kämpfen, dass sie vorankommt, dass sie eine bessere, freie und tolerantere Gesellschaft wird.

Der 8. Mai sollte uns mahnen, dass wir die Gesellschaft und Europa nicht nach dem Ist-Zustand beurteilen und in diesem verharren. Wir sollten uns von unseren Träumen und Vorstellungen leiten lassen, und gemeinsam dafür einstehen, dass diese wahr werden und nicht andere dafür verantworten, wenn wir uns nicht nach vorne, sondern zurück bewegen.

Eine Jede und ein Jeder von uns, sollte sich dafür einsetzen, dass stets Demokratie, Toleranz, Wertschätzung und ein gleiches Recht für alle existiert und nicht die Willkür und der Hass Einzelner.
Nie hätte ich gedacht, dass es auf europäischen Boden noch einmal zu Grenzverschiebungen und Gedanken über einen eventuellen Krieg kommen kann.

Der Fall der Krim und der Ukraine lassen mir diese gelebte und gefühlte Gewissheit gerade zu naiv vorkommen. 
Nie hätte ich gedacht, dass wir wieder ein Europa erleben werden, welches in nationales Denken zurückkehrt und Nachbarn als etwas Fremdes ablehnt. Nie in meinem Leben hatten national-konservative und neofaschistische Parteien bei einer Europawahl bessere Chancen gewählt zu werden, als es gerade der Fall ist. Und nie waren die politischen Gefahren in den vergangenen Jahren so deutlich, doch die Mehrheit der Gesellschaft so passiv. Werden wir wirklich gerade jetzt eine Europawahl erleben, mit einer enorm niedrigen Wahlbeteiligung von den die Rechten und national-konservativen Parteien so profitieren werden?


Daher sollte der 8. Mai uns mahnen, keine Chance zu vergeben Nein zur Ausgrenzung und Intoleranz zu sagen. Daher liegt es auch an uns, die kommende Europawahl ernst zu nehmen, wählen zu gehen und all unsere Mitmenschen motivieren ebenfalls ihre Stimme abzugeben, denn nur so können wir Fremdenhass und nationalen Egoismus im Europäischen Parlament verhindern.

Nur so können wir dafür sorgen, dass nicht wieder Menschen diskriminiert werden für ihren Glauben, für ihre Liebe oder für ihre Herkunft.

Der Gedenktag des 8.Mai heute zeigt uns, dass sich Vergangenheit vielleicht nicht exakt wiederholt, aber er zeigt uns auch, dass Zukunft nicht mit der Gewissheit begegnet werden kann, dass sie friedvoll und gut wird.

Und der 8. Mai zeigt uns, dass manche Übergänge in der Gesellschaft und in politischen Handeln fließend sind und am Ende es schwer zu beantworten ist, warum Hass und Leid in einer solchen extremen Form wie im 2. Weltkrieg möglich waren. Daher gilt es jede Anfänge solcher Bewegungen zu begegnen, zu bekämpfen und zerstörerische Kräfte, auch wenn sie sich hinter Parteien verstecken, zu verhindern!

Daher sollten wir den Schritt wagen, dass unsere Gesellschaft wieder mehr zusammenrückt und sich füreinander für die Zukunft, für den Frieden und für Fortschritt einsetzt.
Ob in Parteien, in Vereinen und Initiativen, oder auf Arbeit, in der Schulklasse oder in anderen Bereichen des täglichen Lebens.

Schauen wir nicht weg, hoffen wir nicht, dass Andere es richten! Aber vor allem meckern wir nicht nur, wenn wir uns vielleicht selbst nicht aufraffen, um was zu ändern. Meckern muss wieder der Anfang einer Bewegung durch Einzelne werden.

Ich hoffe, dass auch ich in einem Alter von 88 Jahren, so alt ist Hans-Jochen Vogel aktuell, zu einer anderen Person sagen werden kann…
„Hättest du mir am 8. Mai 2014 gesagt, dass ich einmal in einer solch tollen Gesellschaft, einem solch friedvollen Europa und in einer guten Welt als Weltenbürger lebe, ich hätte dich für verrückt gehalten.“

Neben dem Gedenken der Toten und dem Erinnern an die Befreiung, sollte uns ein solch positiver Gedanke und ein gesellschaftlicher Traum für die Zukunft mit dem 8. Mai verbinden.
Verbinden wir eine negative und schreckliche Vergangenheit mit der Zielsetzung an eine positive und friedvolle Zukunft. Der Gedanke kann in uns reifen.
Leben wir ihn.


Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit.