Ende August 1989 bereisten Jacek Gredka und ich mit mehreren Kollegen der damaligen Technischen Gebäudeausrüstung Berlin GmbH seine polnische Heimat. Der Weg führte uns in der wohl einer der schönsten Gegenden Polens in das Gebiet zwischen Lublin und Krakau. In der Nähe der Ortschaft Piacszeszno konnten wir in einem großen Erholungsgebiet die kulturelle Geschichte Polens und die deutsch-polnische Geschichte hautnah erleben.

Unser Weg führte uns auch nach Auschwitz und nach Treblinka. Die großen Unterschiede der von den Menschen erlebten Ereignisse zeigte sich in den Berichten von Zeitzeugen, die Auschwitz überlebt hatten.

Die Gastfreundschaft, die uns trotz der dunklen Erfahrungen, die die Menschen mit der deutschen Geschichte in Polen verbinden, entgegen gebracht wurde, beeindruckte unsere Reisegruppe.

Einen besonderen Eindruck hinterließ bei mir die hautnahe Begegnung des Gefangenenlagers für Kinder in Majdanek. Es ist schon bezeichnend, dass genau in diesem Land die ersten Ereignisse stattfanden, die zu den Wegen in unsere heutige Zeit führten. Erinnert sei an die Arbeiterbewegung in Danzig und in deren Folge an das Wirken der Gewerkschaft Solidarnosc in ganz Polen.

Die gesellschaftlichen Veränderungen in Polen mit der zeitgleichen Entwicklung in der ehemaligen Sowjetunion und dem Wirken von Glasnost und Perestrojka haben viele Gespräche mit unseren polnischen Freunden schon damals begleitet. Während unserer Rückreise hatte die Mauer und der Stacheldraht einen Riss bekommen.

Die Väter der Deutschen Einheit sind nach meiner Auffassung der damalige ungarische Außenminister Gyula Horn und sein österreichischer Kollege Alois Mock. Unter der Billigung von Michail Gorbatschow und dem Wirken der friedlichen demokratischen Bewegung in Osteuropa und in der ehemaligen DDR in Verbindung mit der Ostpolitik Willy Brandts war eine kleine, aber nicht mehr zu verschließende Öffnung in den Eisernen Vorhang geschnitten worden.

Von diesem Tag war der Lauf der Geschichte unumkehrbar. Dadurch, dass in dieser Zeit mutige Menschen Risiken auf sich genommen haben – Risiken für ihr eigenes Leben und ihre Familien – eröffneten sie den Weg in eine bessere Zukunft für alle Europäer in Freiheit und selbst bestimmtem Leben. Schon vierzig Kilometer vor der Grenze zur damaligen DDR bemerkten wir die Nervosität der Grenzorgane Polens und der ehemaligen DDR.

Fünf Mal wurden Ausweise und Gepäck unseres Zuges kontrolliert. Nach unserer Ankunft und den ersten Tagen in unserer alten Firma wurde denjenigen, die mit offenen Augen durch die Welt gegangen sind, die Tragweite der Ereignisse an der ungarisch-österreichischen Grenze bewusst.

Dieser Zug, mit dem wir zurückgekommen sind, war nicht mehr aufzuhalten. In der damaligen Zeit existierte ein Buch, das in der damaligen DDR auf dem Index stand. Verfasser dieses Buches war Michail Gorbatschow, und es hieß „Glasnost und Perestroika“. Die damaligen Lesungen, getarnt in FDJ-Versammlungen, waren im TGA Berlin gut besuchte Veranstaltungen.

Zwei Monate später konnten beim Gegenbesuch unserer Partnerfirma unsere polnischen Freunde bereits in Westberlin die andere Seite der Mauer betrachten. Was ein Vierteljahr vorher für viele noch undenkbar schien, wurde mit diesem Staubkorn der Geschichte Wirklichkeit.

Die Integration Osteuropas in die Europäische Union ist nicht nur aus diesem Grund Verpflichtung, sondern auch ein gutes Recht der osteuropäischen Völker. Ein friedliches Europa wird es ohne die osteuropäischen Staaten nicht geben! Übrigens: Die freundschaftlichen Beziehungen zu den Menschen, die wir damals kennen lernten konnten, existieren zum Teil noch heute.

Auch deshalb gibt es gute Gründe dafür, am 7. Juni für ein starkes Europa wählen zu gehen. Alle diejenigen, die damals an dieser Reise teilgenommen haben, sind heute größtenteils Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei Europas.

Autor

Fritz Wolff, Mitglied der SPD-Fraktion Lichtenberg